Seit einer Woche läuft nun das Meinungsbild zur Fortführung der gesichteten Versionen. Über den bisherigen Verlauf bin ich ehrlich gesagt (positiv) überrascht. Eine so deutliche Zustimmung zur Option 3 (nicht angemeldete Leser erhalten standardmäßig die letzte gesichtete Version) hatte ich nicht erwartet.
Ich möchte gerne noch auf einen Punkt eingehen, der meiner Meinung kaum genannt wird:
Den Leser
Für wen schreiben wir an der freien Enzyklopädie Wikipedia? Für uns Wikipedianer? Ja, natürlich. Aber vor allem für den Leser, den Nicht-Wikipedianer.
Als Argument gegen die gesichteten Versionen wird oft aufgeführt, dass der Leser offensichtlichen Vandalismus ja erkennen kann. Was aber soll der Leser mit einem Satz „Karl ist doof" mitten in einem Artikel - oder noch schlimmer, anstatt des Artikeltextes - anfangen? Er wird verunsichert sein, vielleicht auch verärgert, da er Informationen sucht.
Der normale Leser kennt die Strukturen der Wikipedia nicht, kennt den „Bearbeiten"-Knopf nicht. Selbst wenn er mutig ist, und den Artikel bearbeiten möchte, um „Karl ist doof" zu entfernen, weiß er nicht, ob der doofe Vandale nicht auch Text gelöscht oder anderen verfälscht hat. Dies kann man nur über die Versionsgeschichte herausfinden bzw. dem entsprechenden Diff-Link. All diese Techniken kennt der Leser aber nicht. Die Mitarbeiter des Support-Teams können von entsprechenden Vandalismus-Meldungen auch ein Lied singen.
Ich stelle die Behauptung auf, dass der normale Leser der Wikipedia mit den Artikeln direkt arbeiten möchte, ausdrucken, in ein Word-Dokument kopieren möchte. Er hat keine Lust, keine Zeit, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie er „Karl ist doof" bewerten muss. Die Erkenntnis, dass der Artikel Vandalismus enthält, nutzt ihm absolut nichts. Er wird an seiner Arbeit gehindert. Wollen wir das? Ich sage Nein.
Die so oft zitierte „Eingangskontrolle" findet auch nicht jeden Vandalismus in kürzester Zeit (Beispiele für stunden- bis tagelang nicht aufgefallenen Vandalismus). Dies ist kein Vorwurf an die Wikipedianer, die sich den Letzten Änderungen widmen. Jeder arbeitet freiwillig mit und niemand ist zu einem bestimmten Arbeitspensum verpflichtet. Aber mit den gesichteten Versionen haben wir ein Werkzeug an der Hand, um zuverlässig jede Bearbeitung kontrollieren zu können.
Neben dem offensichlichen Vandalismus gibt es auch noch das breite Themenfeld der Persönlichkeitsrechtsverletzungen. Artikel über lebende Personen sind besonders gefährdet, da dort gerne unbelegte, oft verleumderische, Informationen eingefügt werden. Das Support-Team erhält täglich E-Mails von Personen, über die ein Artikel in der Wikipedia besteht. Auch hier helfen die gesichteten Versionen bei der Eingangskontrolle, um justiziable Falschinformationen dem Leser gar nicht erst anzuzeigen. Das setzt natürlich voraus, dass alle Wikipedianer unsere Richtlinien über biographische Artikel ([[WP:BIO]]) kennen bzw. umsetzen.
Zum Schluss möchte ich noch gerne eine Zahl in den Raum stellen: Je nach Tageszeit sind ca. 93 bis 96 % aller Zugriffe auf die Wikipedia reine Lesezugriffe. Lesezugriffe sind dadurch definiert, dass die fertig erstellen Seiten von den Squids (= Zwischenspeichern) ausgeliefert werden.
Nur 4 bis 7 % aller Zugriffe werden von den aktiven Wikipedianern erzeugt, indem sie lesend und schreibend direkt auf die Datenbankserver in Florida zugreifen.
Ich finde dies eine beeindruckende Zahl, denn es unterstützt meine obigen Ausführungen, dass wir für den normalen Leser schreiben.
Die angehängte Grafik mit Stand von Sonntag, 10. August, 10:37 UTC ( = 12:37 MESZ) besagt: Wir hatten 25587 Zugriffe pro Sekunde, davon lediglich 1678 auf die Datenbankserver (= 6,5 %). Die schwarze Linie am unteren Rand zeigt die Datenbankzugriffe, zudem ist sie im Tagesverlauf relativ konstant, so dass bei höheren gesamten Lesezugriffe der Prozentsatz der Bearbeitungen relativ gesehen sinkt (minütlich aktualisierte Grafik).
Gestützt werden diese Zahlen durch eine ARD/ZDF-Onlinestudie von Martin Fisch und Christoph Gscheidle aus 2008.
Zitat aus dieser Studie (PDF-Dokument, Seite 5):
Obgleich eine Web-2.0-Anwendung, überwiegen auch
bei der Nutzung des populärsten Mitmachdienstes,
Wikipedia, die Abrufe. 95 Prozent der Wikipedia-
Besucher sind nur der Informationsbeschaffung
wegen dort. Somit ist nur ein kleiner Teil der Nutzer
für das Verfassen und Bearbeiten von Artikeln
verantwortlich. Die aktivste Altersgruppe beim
Einstellen von Informationen ist die Gruppe der
20- bis 29-Jährigen. Immerhin 7 Prozent der Wikipedia-
Nutzer in dieser Altersgruppe haben schon
einmal einen Beitrag erstellt oder bearbeitet. Onliner
ab 50 Jahre dagegen gehören zu den Verweigerern
einer aktiven Beteiligung. Nur 2 Prozent
der älteren Wikipedia-Nutzer haben schon einmal
einen Artikel verfasst oder einen Beitrag ergänzt.
Ich finde, dies zeigt die Verantwortung gegenüber dem Leser sehr gut, mit der wir hier umgehen müssen.
Raymond.
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