Muttis Worte zum Samstag.
Sitze ich doch mit meinem Lieblingsbürokraten an seinem Geburtstag bei unserem kleinen Italiener in der Nachbarschaft. Beinahe romantisch, immerhin eine Kerze auf dem Tisch und ein halber Liter Rotwein zu den Bruschette. Vibriert das Handy, und es ist eine SMS von einem WP-Kollegen, dem es um eine dringende Versionslöschung in der, sagen wir mal, dänischen Wikipedia geht.
Das bringt mich ein wenig zu meinen gelegentlichen „Musings of a dinosaur“, wie Florence einmal einen Vortrag genannt hat. Sind wir eigentlich alle des Wahnsinns? Wie weit kann dieses Projekt eigentlich das infiltrieren, was man gemeinhin „normales Leben“ nennt?
Ja, natürlich sind wir alle ein wenig verrückt, indem wir uns so lange und so ausdauernd mit dieser Enzyklopädie und ihren Auswüchsen in alle Richtungen beschäftigen, amüsieren, quälen. Aber was mir immer wieder durch den Kopf geht: gibt es ein „Zuviel“? Ein Zuviel, das mir und meinem Leben schadet, ein Zuviel, das verhindert, daß ich überhaupt ein „echtes“ Leben führe? Wieviele Studenten sind unter uns, die ihren Abschluß aufs Spiel setzen und 24/7 Vandalen jagen? Wieviele von uns haben die Jobsuche längst aufgegeben, weil der Adminjob schon stressig genug ist? Wieviele von uns sind Dauersingles oder setzen ihre Beziehung aufs Spiel? Wieviele von uns bekommen einen Großteil ihrer Anerkennung, Motivation und Lebensfreude ausschließlich durch Wikipedia? Wieviele von uns leben in Wikipedia?
Andererseits: wieviele von uns sind so unglücklich mit dem Projekt, daß sie jeden Tag alle anderen an ihren Leiden teilhaben lassen, auf die eine oder andere Art? Warum bleiben sie dabei? Warum erlauben wir diesem Projekt, daß es uns morgens um sechs mit Bauchschmerzen aufweckt? Gibt's nichts anderes?
Natürlich gehört ein gerüttelt Maß Leidenschaft dazu, sich so ausdauernd einem Non-Profit-Projekt zu widmen. Und es ist klar, daß wir diese Leidenschaft nicht mit dem Login-Cookie wegspeichern, sondern in das Projekt an jeder Stelle einbringen. „Nur wer brennt, kann entzünden:“ (Dietrich Schilling) – das habe ich auch bei anderen ehrenamtlichen Projekten erlebt, daß mancher an beiden Enden gebrannt hat und schließlich ausgebrannt ist.
Ich – als olle WP-Mutti – darf mir aber in meiner Rolle Sorgen machen um viele von denen, die mir im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen sind. Sorgen darum, was Wikipedia aus uns gemacht hat und jeden Tag macht. Man sieht: WP ist zu einem großen Teil meines „echten“ Lebens geworden, es sind Menschen, die an meinem „echten“ Leben teilhaben. Schwarze Feders Worte von den „verbliebenen Freundeskreisen“ sind mir jedoch schwer im Magen geblieben: wieviele unserer Freunde können noch nachvollziehen, was wir eigentlich tun? Wieviele haben längst resigniert? Über berühmt gewordene Menschen liest man manchmal, sie seien „auf dem Boden“ geblieben, weil sie Freunde (Kollegen, Familie…) hätten, die sie vor dem Ausflippen bewahrten, die ihnen die Bodenhaftung zurückgäben. Haben wir die noch? Wo ist unser „Real-life-Regulativ“?
Ja: Wikipedia ist ein Bestandteil unseres Lebens. Und es hilft vielen „normalen“ Menschen jeden Tag, und es ist – nicht nur deshalb – ein großartiges Projekt. Aber wenn wir diese Welt besser machen wollen, wird uns das nur gelingen, wenn wir noch merken, daß sie überhaupt da ist.
Ach so: Die SMS beim Italiener wurde im übrigen sofort beantwortet, aber aufgesprungen und nach Hause zum Rechner gelaufen ist er nicht. Und nein, sauer war ich natürlich auch nicht, es paßte nur grade als Aufhänger für diesen Text, der eh schon seit ein paar Tagen rauswollte.
(elya)