Anfrage eines Gulli-Journalisten

Mich erreicht diese Woche eine E-Mail von einem Gulli-Journalisten. Er recherchiere zu den Abmahnungen in der Wikipedia und möchte auch die semiprofessionallen Fotografen zu Wort kommen lassen.

Ich nehme diese Anfrage zum Anlass, meine Gedanken zu dem Thema, das viele Wikipedianer seit geraumer Zeit umtreibt, niederzuschreiben. Dieser Blogbeitrag ist zudem meine offizielle Antwort an den Redakteur.

Dazu muss ich wohl etwas ausholen. Der Leitsatz der Wikimedia Foundation ist:

Imagine a world in which every single human being can freely share in the sum of all knowledge.

Dazu stehe ich uneingeschränkt. Ich stelle meine Fotos unter der Creative Commons Lizenz cc-by-sa-3.0 der Allgemeinheit zur Verfügung. Dazu lade ich sie nach Wikimedia Commons hoch im vollen Bewusstsein, dass diese Fotos nicht nur für die Wikipedia und Schwesterprojekte verwendet werden, sondern auch von jedem anderen für jeden Zweck verwendet werden dürfen. Ich freue mich ehrlich über jede (annähernd) lizenzkonforme Verwendung außerhalb des Wikimedia-Universiums.

Die Bedingungen, unter der die Fotos verwendet werden können, sind eigentlich denkbar einfach: Namens- und Lizenznennung. Mit diesen Anforderungen wird sichergestellt, dass der Autor identifizierbar ist und dass das Wissen, das verwendet wird, frei bleibt.

Für die Verbreitung freier Inhalte ist es essentiell, dass diese einfachen Regeln beachtet werden.

Für uns Wikipedianer sind diese Regeln in Fleisch und Blut übergegangen, aber ich weiß auf Grund zahlreicher Anfragen bei mir persönlich als auch aus vielen vielen Anfragen an das Support-Team, dass dieses Lizenzkonzept für Otto Normalweiternutzer trotzdem nicht einfach zu verstehen ist.

Daher versehe ich alle meine hochgeladenen Fotos mit einem zusätzlichen erklärenden Text (Beispiel)

Selbst meine E-Mail-Adresse schreibe ich öffentlich dazu, damit eine möglichst niedrigschwellige Kontaktmöglichkeit besteht. Und das wird auch angenommen: Wöchentlich erreichen mich mehrere E-Mails zu meinen Fotos: Fragen zu den Bedingungen, nach einer höheren Auflösung, Hinweise auf Nutzungen etc.

Wenn mir eine Nachnutzung bekannt wird (per E-Mail, Google Alert auf meinen Namen, aufmerksamer Wikipedianer, Zufall), dokumentiere ich dies auf einer Benutzerunterseite (Kölner Fotos)

Ist eine Nachnutzung nicht (vollständig) lizenzkonform, so hinterlasse ich einen Blogkommentar oder schreibe per E-Mail einen freundlichen Text mit dem Hinweis auf die Lizenzbedingungen. Die Nachnutzer sind zu 99 % guten Willens und haben die Lizenzverletzung nicht mit Vorsatz begangen. Sie denken, dass eine Angabe "Foto: Spekking/Wikipedia" o.ä. völlig ausreichend sei. Der eigentliche Preis für die Nachnutzung ist aber die Angabe der Lizenz "cc-by-sa-3.0" (idealerweise mit Link zum Lizenztext, aber da bin ich pragmatisch, was meine eigenen Fotos angeht).

Derjenige, der diese einfachen Regeln missachtet hat, muss darauf aufmerksam gemacht werden bzw. es muss sichergestellt sein, dass er diesen Mangel abstellt.

Mein Ziel ist die Aufklärung über die Freien Lizenzen. Dies erreicht man meiner Meinung nach nicht durch einschüchternde Hinweise, Drohungen, Abmahnungen und ähnliches.

Ich will nicht verhehlen, dass es leider trotzdem Ignoranten gibt. Diese habe ich bisher unter den großen Verlagshäusern/Konzernen ausmachen dürfen. Und im Zweifel war es der Praktikant, der selbstverständlich nicht mehr für das Haus arbeitet. Denn die Verlagen kennen selbstverständlich die Regeln.

Kommen wir zur Kernfrage des Journalisten: Ich habe bisher ausschließlich Rechnungen an große Verlage geschrieben, in den letzten zwei Jahren insgesamt 3 oder 4. Ohne Einschaltung eines Anwaltes (das ist bei so einfachen Sachverhalten nun wirklich überflüssig), ohne zur Abmahnung zu greifen. Die Rechnungen wurden selbstverständlich bezahlt. Und ich habe die Einnahmen versteuert.

Was wollte der Journalist noch von mir wissen: Wie lange ich schon in der Wikipedia tätig bin (seit September 2003) und welche Ämter ich ausübe. Erstens ist dies für das Thema gar nicht relevant und zweitens übe ich kein Amt aus, sondern sehe mich als Dienstleister an der Community.

(Raymond)

Sue Gardner: „Neun Gründe, warum Frauen nicht bei Wikipedia mitmachen“

Die von Sue Gardner angestoßene „Gender-Gap“-Diskussion, die sich damit auseinandersetzt, warum nach den verfügbaren Studien nur ein niedriger zweistelliger Prozentsatz von Frauen aktiv in Wikipedia mitarbeitet, hat im englischsprachigen Raum einige Resonanz ausgelöst. (Zum Presseecho hier und hierlang)

Jetzt hat Sue dankenswerterweise die ausufernden Beiträge sortiert und eine erste Zusammenfassung geschrieben: „Nine Reasons Women Don’t Edit Wikipedia (in their own words)“. Sie belegt die einzelnen Punkte mit Originalzitaten von Frauen aus der laufenden Diskussion.

Die Ultra-Kurzfassung (die Zitate sind lesenswert und beleuchten die Punkte natürlich genauer):

  1. Die Benutzeroberfläche ist unbefriedigend
  2. Keine Zeit, zu beschäftigt
  3. Nicht genügend Selbstbewußtsein, man braucht eine Menge Selbstbewußtsein, um zu Wikipedia beizutragen
  4. Konfliktunwilligkeit: die aggressiv-kämpferische Diskussionskultur.
  5. Die Beiträge werden vermutlich eh revertiert oder gelöscht
  6. Frauenfeindliche Atmosphäre
  7. Sexualisierte Kultur wird als unsympathisch empfunden
  8. (bei Sprachen, die grammatisches Geschlecht haben) Rein männliche Systemsprache („Benutzer“)
  9. Soziale Beziehungen und freundliche Umgangsformen sind in anderen Projekten/Websites besser als in Wikipedia.

Hmmm. Was davon betrifft mich selbst in de.wp?

  1. Ja. Ja. Und nochmal: ja. Betrifft nicht nur Frauen, sondern alle „Nicht-Nerds“, und sogar ich, die ich code-affin bin und seit Jahren damit arbeite, kriege regelmäßig Pickel bei Tabellenkonstrukten, Geo-Koordinateneinbau und Fußnotenhandling.
  2. Jain. Hat m.E. u.a. etwas mit Doppelbelastung Familie/Beruf für Frauen zu tun. Subjektiver Eindruck, unrepräsentativ: Wikipedianerinnen sind weniger aktiv, sobald sie kleine Kinder haben. Oder sie sind in einem Alter, wo die Kinder schon etwas größer sind. Aber wo sind dann die jungen, unabhängigen Frauen?
  3. Jain. Mein Akademiker-Komplex ist durch Wikipedia kleiner geworden (Danke, Tilman), mein Selbstbewußtsein höher. Ich weiß mehr denn je und interessiere mich für mehr Dinge denn je. Ich schreibe jedoch weniger als früher, weil die Ansprüche an mich selbst noch höher geworden sind.
  4. Ja. Ich halte mich möglichst aus diesen Ecken raus und beobachte sie sprach- und ratlos. Gefühlt sind Männer hier deutlich härter und gnadenloser im Austeilen (nicht im Einstecken … ;-)
  5. Nein. Ist kein spezifisches Frauenproblem, wenn es überhaupt so ist.
  6. Die Beispiele bezogen sich auf Verharmlosung von Begriffen in en.wp-Artikeln, vergleichbar wäre in de.wp als Beispiel die „Genitalverstümmelung vs. Beschneidungs“-Diskussion. Beispiel wäre auch die aufgeheizte Vulva-Diskussion, als Begriffe wie „abstoßend“ oder „eklig“ fielen – da habe selbst ich gezuckt.
  7. Hmnjain.
  8. Teils nachvollziehbar, aber nicht so wichtig für mich.
  9. Weiß nicht. Was sind denn typische nette Projekte, in denen Frauen überdurchschnittlich stark mitarbeiten? 

Irgendwie glaube ich ja, es gibt mehr Frauen (in de.wp) als man so meint. Vor ein paar Tagen bin ich die Liste der persönlichen Bekanntschaften durchgegangen, rund 700 Personen. Von diesen weiß ich bei 138 zuverlässig, ob sie Männlein oder Weiblein sind. Ich komme auf rund 18 % Frauen. Wenn ich eine Studie über die „Kerncommunity“ zu machen hätte, würde ich als Grundlage eine Mischung aus Teilnehmern in wichtigen Meinungsbildern (z.B. Gesichtete Versionen), Unterschriften in Kondolenzlisten und die Persönliche-Bekanntschaften-Liste nehmen und bei diesen eine Umfrage machen.

(elya)

 

 

Wikipedia-Apps für Android unter der Lupe (1)

Nachdem ich mir jetzt auch so ein Spielzeug mit Flatrate zugelegt habe, möchte ich die Erfahrungen, die ich mit dem Austesten von Wikipedia-Apps verbringe, mit Euch teilen. Vielleicht findet sie jemand nützlich. Wenn ich mein Telefon besser kennengelernt habe, klappt's vielleicht später auch noch mit ein paar Screenshots, oder mit ganz viel Zeit, mit einem Video. 

Heute: Wapedia von Taptu

  1. Datenkraken-Faktor
  2. Dateigröße
  3. Werbung
  4. Erster Eindruck
  5. Suche
  6. Artikellayout und Navigation
  7. Einstellungen
  8. Fazit

1) Datenkraken-Faktor:

Folgende Dienste werden benötigt:

  • Uneingeschränkter Netzwerkzugriff
  • SD-Karten-Inhalt ändern/löschen
  • Standby-Modus deaktivieren

Kommt mir einigermaßen OK vor – mir fehlen noch Vergleichswerte.

2) Dateigröße:

580.922 Bytes (lt. Androidpit)

3) Werbung

Die kostenlose Version ist werbefinanziert, eine werbefreie Version gibt's für 2,99. Die Werbung ist dezent am oberen Rand plaziert, eine Art „Mini-Banner“ zu externen Seiten, darunter auch Wikiquote, Wikitravel und ein WP-Spendenbanner. Teilweise später dann doch animiert und farbig, nur ganz leicht störend. Man scrollt das Banner  beim Lesen meist sofort weg.

4) Erster Eindruck

Ruft sofort eine deutsche Version auf, vermutlich auf Basis meines Betriebssystems? Großes Suchfeld, darunter viele Links zur Anwendung selbst, die aber nichts mit Wikipedia zu tun haben.

Das Programmicon dient als Dropdown zu anderen Wikis, darunter die Kamelopedia und ein GTA-Wiki (sponsored links?). Rechts vom Suchfeld ein Favoriten-Button, der gleichzeitig zur entsprechenden Bookmarkliste und History führt.

5) Suche

Autovervollständigen-Funktion bereits beim Tippen. Meine Standard-Test-Eingabe „Köln“ ergibt nach "Kö" bereits die entsprechenden Vorschläge. (unverschämterweise zunächst natürlich [[Kö]] in Düsseldorf (!)), danach aber gleich [[Köln]]. Wenn man dann auf den „Köln“-Tab klickt, erhält man nicht etwa den Artikel Köln, sondern eine Ergebnisliste mit Thumbnail-Vorschau: Köln, Kölner Dom, Kölnisch Wasser, Köln-Mülheim via Köln-Ehrenfeld bis hin zu Köln Hauptbahnhof. Das ist keine Volltextsuche, sondern eine feine Relevanzsuche.

6) Artikellayout und Navigation

Der Aufruf des Artikels „Köln“ dauert dann ein paar Sekunden. Es folgt die Anzeige, wieviele Seiten man vor sich hat (1/15), dann die Einleitung mit ein paar knackscharfen Fotos, dann ein gut aufbereitetes, fingertip-freundliches Inhaltsverzeichnis (nicht die kleinen Miniliks im Standard-TOC), dann eine sauber dargestellte Infobox und der Rest des Artikels.

Mit 1/15 ist nicht die Anzahl der Bildschirmseiten gemeint, sondern der Artikel wird aufgeteilt in mehrere Abschnitte, die jedoch nichts mit dem Inhaltsverzeichnis zu tun haben. Zwischen den Abschnitten kann man jeweils am unteren Rand der Seite (!) navigieren.

Darstellung zunächst sehr schön, auch im Hochformat muß man kaum querscrollen. Was überhaupt nicht funktiniert, ist das Klimadiagramm mit den Balkengrafiken. Fußnotenlinks im Text lassen sich nicht klicken, ebenso gibt es von den unten gelisteten Fußnoten keinen Link nach oben zurück.

Kategorien, Interwikis und Schwesterprojekte gibt's ganz am Ende des Artikels auch, der Vorlagenlink zu Commons wird kaputt dargestellt.

Ebenfalls im unteren Artikelbereich gibt es einen Link zu Google Maps und separat und deutlich sichtbar - der Lizenzhinweis wie aus dem Bilderbuch. Ein Klick auf ein Bild führt tatsächlich zu einer echten Dateiseite mit sauber aufbereiteter Dateibeschreibung und Lizenzbaustein.

Sehr schön das Anwendungs-Menü ganz am unteren Bildschirmrans: ein Zurück-Link, ein Aufruf des Inhaltsverzeichnisses, ein Share-Button, dazu die Einstellungen für andere Wikis oder Sprachversionen. Zuschaltbar über den „Menu“-Button.

Diskussions- und Metaseiten scheinen hingegen ganz zu fehlen, es handelt sich auch um eine reine Lese-Version. Update: Im Inhaltsverzeichnis gibt es einen Link zur Diskussionsseite sowie zur Versionsgeschichte.

Die Version ist ca. zwei Tage alt, Wapedia zieht die Daten von einem eigenen Spiegel.

7) Einstellungen

Über „Einstellungen“ läßt sich die Default-Sprachversion definieren, die relative Bildgröße in Artikeln (auch ganz abstellbar), die Seitenlänge (bezieht sich auf die Unterteilungen), Schriftgröße, und man kann das Farbschema von schwarz/weiß auf weiß/schwarz stellen.

Auch sehr schön: Man kann wählen, ob das Suchfeld oben stehenbleibt oder mit dem Artikel mitscrollt.

8) Fazit

Dies ist meine erste WP-App nach dem eingeschlafenen Projekt Wiki2touch auf dem antiken iPhone; sie wirkt sehr durchdacht, wenn auch im unteren Seitenbereich ziemlich viele Funktionen untergebracht sind, zu denen man sich erstmal durchscrollen muß. Vermißt habe ich außerdem die Finger-Zoom-Funktion, wie man sie von Websites im Smartphone kennt.

Mehr Informationen und Downloadlink auf Androidpit.

Köln 13 Uhr 58 – eine Ausstellungseröffnung

Heute abend wurde die Ausstellung „Köln 13 Uhr 58 – Geborgene Schätze aus dem Historischen Archiv“ im Kölnischen Stadtmuseum eröffnet, was wir uns natürlich nicht haben entgehen lassen. Die Ausstellung zeigt ab morgen einen Querschnitt von bereits restaurierten Objekten und solchen mit verschiedenen „Schadensbildern“ aus dem zerstörten Archiv.

Das Stadtmuseum war sehr gut gefüllt, gesprochen hat als erster natürlich obligatorisch Oberbürgermeister Roters, dann wurde Stephan Neuhoff, Chef der Kölner Feuerwehr, mit der goldenen Ehrennadel des THW ausgezeichnet (ein Anblick zum Steinerweichen, wenn mindestens einem der beiden toughen Rettungsprofis vor Rührung das Wasser in den Augen steht).

Interessant wurde es, als Isabel Pfeiffer-Poensgen für die Kulturstiftung der Länder sprach, ihre breite und ungebrochene Unterstützung des Archivs betonte, sich gleichzeitig aber durchaus irritiert zeigte, daß bestimmte Mittel – etwa für eine Gefriertrockenanlage – noch nicht abgerufen wurden. 

Zum ersten Mal „live“ erlebten wir den neuen Museumsdirektor Mario Kramp, der mir sehr gut gefallen hat: erstens kann er reden, hatte einen echten roten Faden in seiner Ansprache und las nicht nur vom Blatt, zweitens schaffte er es, humorvoll und knapp kritische Spitzen anzubringen (entschuldigend wegen der mangelden Sitzplätze: „wir haben leider keinen Stiftungssaal“) und drittens habe ich den Eindruck, daß er hinter seinem Team steht – von der Pressesprecherin bis zum Hausmeisterinnen-Team. Aber er ist sauschwer zu fotografieren ;-)

Bettina Schmidt-Czaia, leidgepüfte Leiterin des Archivs, hatte schließlich das Schlußwort und stellte ein paar besondere Stücke der Ausstellung vor, worunter auch der Verbundbrief der Stadt Köln von 1396 gehört, der mit finanzieller Unterstützung der Adolf Würth GmbH restauriert worden ist (Kurzer Dialog vor der Vitrine: „was werden wir wohl hinterlassen, was 600 Jahre übersteht?“ – „naja, Facebook wird es mit Sicherheit nicht sein“) 

Für die Ausstellung selbst wird man sich noch einmal richtig Zeit nehmen müssen, man kann vor jedem Stück ein paar Minuten stehen und die Rettungs- und Restaurierungsgeschichte dazu lesen. Ob ein unspektakulärer Bauplan von Karl Band, ein zerknüttelter Haufen Akten, allerlei alte Handschriften (ja, ich in ein Banause, aber ich war müde) oder ein Typoscript von Heinrich Böll (das man als einziges nicht fotografieren darf).

Was mich heute abend noch erfreut hat: Gleich zu Beginn habe ich den Ausstellungsband erworben, weil ich weiß, wie schnell das Zeug immer ausverkauft ist. Gewohnheitsgemäß von hinten durch den Bildnachweis gestöbert und staunend den Eintrag „Ekimas, Wikimedia Commons, GNU Free Documentation Licence“ entdeckt.

Das Bild hat eine kleine Geschichte: Direkt nach dem Einsturz kümmerten sich natürlich zahlreiche Leute um den Artikel zum Historischen Archiv, nachdem unser Benutzer:HOWI die historische Grundlage gelegt hatte. Es gab peinlicherweise nicht ein einziges Foto der Außenansicht des Gebäudes auf Commons oder in unserem Privatarchiv, das so unspektakulär und unauffällig war, daß man es glatt übersehen konnte (und wir waren öfters mal da …). Mein Thunderbird enthält einen kurzen Mailverkehr an Flickr-User „Ekimas“, der mir auf meine Anfrage, ob er sein Bild unter eine CC-Lizenz stellen würde, am 5. März 2009 kurz und knapp – und irgendwie ziemlich kölsch – antwortete: „mach ich.... weil dus bist...grüße vom eigelstein“. So kamen wir – und dieser Begleitband – zu einem wunderschönen Fassadenfoto, das zeigt, daß das unspektakuläre Gebäude durchaus spannende Elemente hatte (das längliche sind nämlich die Lüftungsschlitze, das Gebäude kam ohne Klimaanlage aus). Wie die Redakteure des Ausstellungskataloges auf GFDL als Lizenz gekommen sind, ist mir zwar ein Rätsel, aber ich finde es beachtlich, daß das Bild dort Einzug gefunden hat. Wer weiß, wozu das noch einmal gut ist …

(elya)

 

Ein Blick in eine gefährdete Institution

Ich erzähle ja gerne, daß ich in meiner „Karriere“ als Wikipedia-Autorin mehr Bibliotheken und Archive von innen gesehen und aktiv genutzt habe, als während meines lange zurückliegenden Studiums. Eine wichtige Anlaufstelle in Köln ist dabei stets die Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln (KMB). Ob die hochgeschätzte, inzwischen pensionierte Mitarbeiterin Gesina Kronenburg mir bei der Recherche nach dem „verschollenen“ Kunsthistoriker Paul Müller-Walde wertvolle Hinweise gab oder der Artikel zu Josef Haubrich im Lesesaal den letzten Schliff bekam: es ist immer ein Vergnügen, die opulenten Bestände zu nutzen. Und ich bin wohl nicht die einzige, die das findet: im letzten Jahr wurden 10% mehr Nutzer gezählt als im Vorjahr.

Dies alles war für mich einer der Gründe, im Sommer spontan in den Förderverein „Freunde der Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln“ einzutreten, als bekannt wurde, daß die Institution auf der Sparliste der Stadt Köln steht und von der Schließung bedroht ist. Wir haben nun die paradoxe Situation, daß einerseits ein Neubau des zerstörten Historischen Archivs zusammen mit der KMB geplant wird, andererseits die Institution dem Sparzwang „geopfert“ werden soll – und damit natürlich auch der Gedanke der Doppel-Institution im Neubau obsolet wird.

Eingang zum Lesesaal im Museum Ludwig.Heute war nun die jährliche Mitgliederversammlung des Fördervereins, wo ich mich als Jung-Mitglied zunächst mal „enthaltsam“ bei den Abstimmungen verhielt, aber sonst spannende Einblicke gewinnen konnte. Eine dicke Pressemappe zeigte das riesige Presse-Echo, das die Schließungsankündigung auch in der überregionalen Presse hervorgerufen hatte. Fast noch dicker der Stapel Briefe internationaler Institutionen, die die Bücherei regelmäßig für ihre Arbeit nutzen und gegen die Schließung protestierten. In wenigen Wochen wurden über 12.000 Unterschriften gegen die Schließung gesammelt (davon nur 1500 über die Online-Petition, das finde ich echt mager! Wo seid Ihr alle?). Hinzu kommen kreative, nicht-institutionelle Aktionen wie der Kölner Bücherschwarm von Kölner Nachwuchswissenschaftlern.

Mitglieder und Vorstand zeigten sich heute abend durchaus kämpferisch und „kampagnentauglich“, wenn auch deutlich wurde, daß eine städtische Institution wie die KMB in ihrem Handeln unangenehm unflexibel an städtische Verwaltungsprozesse gefesselt ist.

Am 21. September berät der Stadtrat zum ersten Mal über den neuen Haushalt, und am 7. Oktober wird entschieden. Alles offen: vielleicht alles nur ein „lustiger“ Sommerloch-Versuchsballon des Kölner Kulturdezernenten – vielleicht aber auch bitterer Ernst.

Bis dahin freuen sich die „Freunde“ der KMB über jeden Leserbrief, und jede weitere Unterschrift unter ihre Petition: Hier nochmal der Link: KMB erhalten – Petition unterschreiben!

(elya)

Mitmachen oder sich überholen lassen …

Heute fand auf Einladung des Verkehrsverbundes Rhein-Sieg (VRS) in der Kölner Zentrale ein erstes Treffen zwischen dem VRS und vier aktiven Mappern der OpenStreetMap-Community (OSM) statt. Hintergrund war die Anfang Mai bekanntgegebene Freigabe der Netz- und Fahrplandaten zur Nutzung für OSM.

In den etwas über zwei Stunden fand ein intensiver Austausch zwischen zwei Mitarbeitern des VRS und den vier OSM-Mappern (unter anderem auch der Programmierer und Betreiber der ÖPNV-Karte) statt. Da in einzelnen Städten (z. B. Bonn) die Erfassung schon recht weit fortgeschritten ist, kamen wir recht schnell überein, dass ein kompletter Import keinen Sinn macht. Stattdessen eher ein Bereitstellen der Daten einzelner Linien als Shape- oder OSM-File. Auch die Idee eines WMS-Servers für die Arbeit mit dem JOSM stieß auf Wohlwollen und es wird nun geprüft, ob dieser zur Verfügung gestellt werden kann.

Der VRS verspricht sich von der Datenfreigabe nach einem Abgleich durch die Mapper vor allem genauere Daten, da der Datenbestand historisch gewachsen ist und in Randgebieten bisweilen Ungenauigkeiten auftreten. Auch die Erstellung von Haltestellen-Umgebungsplänen auf Basis der OSM-Karten wird als Ziel des VRS genannt.

Das Tagging-Schema für den ÖPNV soll dann noch behutsam um Besonderheiten wie zum Beispiel die lebenslange Haltestellennummer erweitert werde. Auf Basis dieser Haltestellennummer ist dann in einem späteren Schritt denkbar, vollautomatisch Fahrplandaten in die OSM-ÖPNV-Karte anzuzeigen.

Ich freue mich, auf die weitere Zusammenarbeit mit dem VRS.

Raymond

 

PS: Falls noch nicht klar geworden ist, warum ich diesen Blogbeitrag mit „Mitmachen oder sich überholen lassen …“ überschrieben habe: Der VRS möchte lieber mitmachen, als sich später von anderen im OpenContent-Bereich überholen zu lassen.

Wissen ist keine Ware

Heute haben wir ein wenig über den Tellerrand geschaut. Eine langjährige Bekannte aus der Ökumenischen Netzbewegung (Netz wie Vernetzung, nicht wie Internet) hatte uns eingeladen, einen Workshop zum Thema „Wissen ist keine Ware. Das Projekt Wikipedia“ zu halten. Der Titel der Tagung lautete: „Nicht systemrelevant: der Mensch. Solidarische Ökonomie als Ausbruch aus dem Kapitalismus“.

Ein ganz klein wenig gespannt waren wir ja schon, auf welches Publikum mit welchem Hintergrund wir stoßen würden, und ob wir dem recht abstrakten Thema der Veranstaltung gerecht werden könnten. Die Tagung gliederte sich am Samstag in eine sehr theoretische Analyse des Kapitalismus unter dem Fokus der aktuellen Krise – ein ambitionierter Einstieg in den Tag, dem wir nur in Teilen intellektuell folgen konnten ;-)

Ein echtes Highlight war für uns jedoch der zweite Vortrag von Silke Helfrich, die mit ihrem Engagement für die „Commons“, also die Gemeingüter, einen Bogen schlägt zwischen „Wasser und Wissen, Erbgut und Atmosphäre“ und bereits am Vormittag einen Lanze für freie Lizenzen und freie Software brach (ihr fundiertes Wissen über Wikipedia nur am Rande erwähnt). Von Tim Berners-Lee, über Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom bis hin zu unserem unvermeidlichen Richard Stallman waren alle wichtigen Protagonisten dabei, die Präsentation lief natürlich unter Ubuntu, die Fotos auf den Folien waren schön sauber CC-lizenziert und ihr jüngstes Buch „Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter! kann hier frei heruntergeladen werden …

Sie plädierte für eine Wiederentdeckung der Gemeingüter – der Allmende –,  zerlegte in wenigen Sätzen die „Tragik der Allmende“ und forderte vor allem neue Denkmuster, um überhaupt auf neue Ideen für gemeinschaftliches Wirtschaften zu kommen. Und: sie forderte eindringlich dazu auf, dass sich die „Technik-Freaks“, die „Öko-Freaks“ und die „Urheberrechts-Freaks“, die sich alle mit freien Gütern befassen, doch mal besser vernetzen sollten, statt alle für sich zu bleiben. Insgesamt überaus inspirierend und eine Steilvorlage für unsere anschließende Arbeitsgruppe zum Thema Wikipedia.

Hier hatten wir zwei Stunden, in denen wir das Konzept des Freien Wissens und die Funktionsweise von Wikipedia noch einmal ausführlich vorstellen konnten. Viele Fragen zu Details und offenbar viele Aha-Erlebnisse. Um ein wenig im Thema der Tagung zu bleiben, hatten wir noch ein paar der Ideen für Wikipedia-Projektförderung in Afrika mitgebracht (Academy, Wikimania, Task Forces etc.). Die Inhalte der Präsentation sind als PDF auf Commons verfügbar: Wissen ist keine Ware. Das Projekt Wikipedia.

Wir haben uns sehr willkommen gefühlt und einiges an Ideen mitnehmen können – und die geforderte Vernetzung wollen wir mit diesem Beitrag mal anstoßen.

(elya+ray)

Stadt- und Regiowikis

Konkurrenz oder Ergänzung zur Wikipedia?

Letztes Wochenende habe ich auf dem RegioWikiCamp in Furtwagen einen Vortrag über die Einbindung von Inhalten aus Wikimedia Commons (Folien als PDF) sowie Karten aus dem OpenStreetMap-Projekt in Stadt- und Regiowikis gehalten, weil ich weiß, dass diese Möglichkeiten noch vielfach unbekannt sind, ein eigenes Wiki jedoch mit interessanten Inhalten aufwerten kann. Entsprechend ist mein Vortrag auch sehr gut angenommen worden und interessante Diskussionen haben sich daraus entwickelt. Auch der Vortrag einer Administratorin des Stadtwikis Karlsruhe hat mir einige Denkanstöße gegeben.

Warum erzähle ich das eigentlich hier?

Weil vielfach der Eindruck einer Konkurrrenzsituation zwischen der grooooßen und übermächtigen Wikipedia auf der einen Seite, die löscht, was nicht enzyklopädisch genug ist, und den nicht so großen Stadt- und Regiowikis besteht.

In der Diskussion wurde deutlich, dass die Betreiber der Stadt- und Regiowikis sehr wohl wissen, wo die Grenzen der Wikipedia sind. Wo die Wikipedia aufhört, fängt das Gebiet der Stadt- und Regiowikis an. Diese wollen sowohl für ihre Bürger mehr Detailinformationen bereitstellen als auch Touristen in vielen Sprachen informieren.

Es ist also kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander. Der eine kann vom anderen profitieren und ich würde mich sehr freuen, wenn neben mir noch mehr Wikipedianer einen Blick über den Tellerrand werfen würden und Stadt- und Regiowikis unterstützen würden. Sei es durch eine sinnvolle Verlinkung oder durch den Übertrag von Informationen.

Ich finde das Thema sehr spannend und werde es weiter beobachten.

Raymond.

PS: Gerade, bevor ich diesen Beitrag online stellen wollte, sehe ich im Chat noch Friedels Hinweis auf den SpON-Artikel über die Konferenz.